Blog des Superintendenten

05.08.2010
10:42

Öffentlicher Raum und Lärm

© RainerSturm / PIXELIO

Für ‚Öffentliche Räume‘ gibt es meistens Spielregeln, was zumutbare Grenzwerte für Lärm anbetrifft:

  • Es ist geklärt, wie laut ein Rasenmäher sein und wann er eingesetzt werden darf.
  • Es ist geklärt, welcher Partylärm bis wann möglich ist.

Darüber hinaus ist es klar:

  • Wenn ich in eine Disco gehe, muss ich mit einem bestimmten Geräuschpegel rechnen.
  • Ebenfalls, wenn ich ein Haus an der Autobahn kaufe.
  • Oder eine Wohnung neben einer Kirche miete.

Aber wie ist das mit folgenden Situationen:

  • Ich sitze im Flugzeug, richte mich auf eine mehrstündige Reisedauer ein und vertiefe mich in ein Buch, das ich mir bewusst für diese Situation aufgehoben habe. – Neben mir zwei Frauen: die eine hat auch ein Buch, das sie nun – gar nicht sehr laut – ihrer ‚Nebenfrau‘ vorliest. – Als ich nach einer halben Stunde bemerke, beide möchten doch zusammen in das Buch sehen, damit ich auch lesen könne, ernte ich Unverständnis: ‚man‘ sei doch nicht laut gewesen …
  • Ich sitze im Zug nach Berlin und will mich auf ein Seminar vorbereiten, das ich dort leiten soll. Neben mir ein Herr mittleren Alters, der kurz nach Reiseantritt seinen Kopfhörer aufsetzt und seine (vermutliche) Lieblingsmusik abspielt. Ich höre nicht direkt die Musik, aber die Basstöne hallen in meinem Kopf und meinem Körper wider. – Als ich ihn bitte, die Lautstärke zu reduzieren, ernte ich Kopfschütteln: er trage doch, um niemanden zu belästigen, einen Kopfhörer …
  • Ich sitze wiederum im Zug – Großraumabteil. Fünf Meter weiter telefoniert ein junger Mann mit seiner Freundin. Die Inhalte sind belanglos, aber alle Menschen im Großraumabteil werden gezwungenermaßen Zeugen des Gesprächs. Nach weiteren fünf Minuten telefoniert der junge Mann mit einem Freund – zwanzig Minuten lang … - muss ich das ertragen?

Ich überlege: hat „Öffentlicher Raum“ mehr mit Rücksicht oder mehr mit öffentlicher Darstellung zu tun?!

 de.wikipedia.org/wiki/Lärm
 de.wikipedia.org/wiki/Öffentlicher_Raum

03.08.2010
11:04

Abkapselung

Mit einer meiner Töchter hatte ich mich zum "shopping" verabredet in einem uns beiden bekannten Geschäft einer deutschen Großstadt.
Vor dem Geschäft - eine anrührende Szene: ein junger Vater, arabischer Herkunft, in kurzer Hose, braungebrannt, weißes T-Shirt, sehr offen, locker, saß auf der Treppenstufe und spielte mit seiner kleinen, etwa einjährigen Tochter. Ein anmutiges Bild! So können Väter von heute sein!
Im Geschäft selbst eine eher gespenstische Szene: drei Frauen in schwarzen Burkas, die - ohne Anprobe - Kleidungsstücke aussuchten. Etwas Unheimliches ging von diesen drei bis zur Unkenntlichkeit verschleierten Frauen aus ...

Und dann die Überraschung: als die eine der drei Frauen die ausgesuchten Kleidungsstücke zahlen soll, kommt der oben erwähnte junge Mann, locker und leger, in den Geschäftsraum, zahlt und zieht mit den drei "verdunkelten" Frauen und dem freundlichen Kind von dannen.
Und ich denke: verkehrte Welt! Wie geht das zusammen? Totale Abschottung bei der einen, Weltoffenheit bei dem anderen?! Stehen hier - was das Verhältnis von Männern und Frauen anbetrifft - Weltanschauungen gegenüber?
Ich bin etwas verstört und auch verärgert: wie kann es sein, dass Menschen sich in der Öffentlichkeit bewegen und sich gleichzeitig vor der Öffentlichkeit verschließen?!

Zwei Stunden später gehe ich zu meinem Auto. Da ich nicht sehr "orientierungsbewusst" bin, will ich vorsichtshalber nach dem nächsten Weg zur Autobahn fragen. Die ersten beiden Menschen auf der Hauptgeschäftsstraße verweisen, als ich auf sie zugehe und sie frage, mit dem Zeigefinger auf die "Stöpsel" in ihren Ohren und gehen weiter.
Gibt es also mehrere Möglichkeiten der Abkapselung - über kulturelle Unterschiede hinaus?

08.07.2010
13:31

Visby

Manchmal lernt man ja im Spiegel des Fremden das Eigene besser kennen bzw. schätzen!

Vom 1.-5. Juli war ich mit einigen anderen Vertretern des Kirchenkreises zu einem Partnerschaftsbesuch im Bistum Visby/Schweden.
Zwei Aspekte sind mir im „Spiegel“ der Begegnungen ganz neu deutlich geworden – und ich sehe sie ganz neu als einen großen Schatz an:

  • Die schwedische Kirche, die bis 2000 Staatskirche war, beklagt, keinen wirklichen Kontakt mehr zu den Menschen zu haben. Ein Neuanfang ist schwierig, weil es in ganz Schweden nur zwei Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft gibt und die Anwesenheit von Pfarrern in den Schulen nicht gewünscht ist. – Wir sollten uns unserer Möglichkeit in unserem Lande bewusst sein und ihn ‚pflegen‘.
  • Die PfarrerInnen in Schweden sind ‚Angestellte‘ ihrer Gemeinden auf der Basis eines Tarifvertrages mit 38,5 Wochenstunden; jede Mehrarbeit wird über Freizeit oder Geld vergütet. – Gut, dass es in unserer Kirche anders ist. Aber ob wir das auch wertschätzen?!

 www.kirchenkreis-soest.de/visby.html

18.06.2010
12:38

Nur Gewinner

Das war ein Erfolg: 84 % der Synodalen haben auf der Synode am Montag für eine Fortführung der Jugendkirche gestimmt.
Ich bin dankbar nicht nur für dieses Ergebnis.
Noch mehr als über das numerische Ergebnis bin ich dankbar dafür, wie es zustande gekommen ist:

  • Die Jugendkirche hat im Kirchenkreis eine gute, zum Teil hervorragende Arbeit geleistet.
  • Eine Evaluierung hat mit großem Aufwand und mit einem positiven Ergebnis stattgefunden.
  • Schwachstellen konnten deutlich benannt und Verbesserungsmaßnahmen dadurch in die Wege geleitet werden.
  • Unterschiedliche Auffassungen und Einstellungen konnten offen ausgetragen und verhandelt werden.

Die Stimmung während der Synode machte deutlich: es gab hier nicht die Parteien der Sieger und Verlierer.
Es gab eigentlich nur Gewinner:

  • Die Jugendlichen und Mitarbeitenden in der Jugendkirche, die nun nicht mehr unter dem Vorbehalt des ‚Probelaufes‘ stehen –
  • dann aber auch die Gemeinden, die einen großen Schatz ich eigen nennen können.

Eine frühere Hauptvorlage der Westfälischen Landeskirche  trug – aus der Perspektive von Jugendlichen formuliert – den Titel: „Lasst uns nicht hängen!“
Hier hat eine Synode (der Erwachsenen) deutlich gemacht: Wir stehen ein für eine Kirche, die Zukunft hat!

 www.jugendkirche-lippstadt.de 
 www.jugendkirche-soest.de
 www.jugendkirche-ense-werl.de

10.06.2010
22:31

Public Viewing

Ich bereite gerade die Kreissynode vor – und es ist viel Arbeit, die geleistet werden muss von mir und vielen Menschen in Fachbereichen, Ausschüssen, in der Verwaltung und, und …

Und ich frag mich: was davon ist wichtig, so wichtig, dass Menschen zur Synode kommen, weil sie gespannt sind darauf, was denn da beraten und beschlossen wird.

Dazu heute auf der Pfarrkonferenz ein witzig-ironischer Wortwechsel:

Ich: „Gibt es zum Verlauf der Synode am Montag noch Fragen?“
1. Kollege:  „Ist ein Public Viewing vorgesehen?“
2. Kollege: „Wieso, soll die Synode übertragen werden?“

Auf der Autofahrt nach Dortmund überlege ich dann noch einmal – ohne Witz und Ironie: Interessiert das die Menschen, die Christen wirklich, was wir da innerkirchlich – z.B. auf Kreissynoden - überlegen, bedenken, beschließen? Die Änderung der Kirchengesetze, die mittelfristige Haushaltsplanung und … und … und … - so wichtig und notwendig das alles ist?!?!

Und dann:
Da gibt es ein wirklich wichtiges Thema, das im Kirchenkreis von Bedeutung ist: die Jugendkirche – ein Unternehmen, das Wellen geschlagen hat, weit über die Kirchenkreis- und Landeskirchengrenzen hinaus.
Und wir überlegen als Kreissynode, ob wir diese Jugendkirche – aus finanziellen oder anderen Gründen – wirklich weiter wollen oder lieber doch nicht …

Und ich denke: seltsam!

Was denken Sie?

 www.kirchenkreis-soest.de/kreissynode.html

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